Inkasso-Trendumfrage 2019: Zahlungsmoral in Deutschland

2019-11-28 10:47

Trotz der schwachen Konjunktur ist die Zahlungsmoral im Herbst 2019 weiterhin gut. Bei einer aktuellen Umfrage antworten über die Hälfte der Inkassounternehmen: Rechnungen werden jetzt genauso gut wie im vergangenen Jahr bezahlt. Grund sind die zahlungskräftigen und konsumfreudigen Verbraucher. Deren Zahlungsverhalten hat sich sogar leicht verbessert. Bei den gewerblichen Schuldner hingegen sieht es weniger positiv aus.

Dennoch warten Gläubiger auf Zahlungen von Verbrauchern etwas länger (im Ø 81 Tage), im Gegensatz zu B2B-Schuldnern, wo es rund 72 Tage dauert. Problematisch ist vor allem das Zahlungsverhalten der jüngeren Verbraucher. Sie haben häufig Konsum¬-Schulden bei Onlinehändlern sowie Telekomfirmen. Ältere Schuldner stehen dagegen eher bei Banken und Kreditinstituten in der Kreide.

Am meisten unter laxen Zahlern leidet derzeit der Onlinehandel – über die Hälfte der Inkassounternehmen berichten, dass E-Commerce-Kunden Rechnungen aktuell besonders schlecht bezahlen. Probleme haben ebenfalls Energieversorger, Vermieter, das Handwerk, Fitnessstudios sowie die Dienstleistungsbranche allgemein.

Die Gründe, warum Verbraucher Rechnungen nicht bezahlen, haben sich stark gewandelt. Inzwischen beobachten nur noch ein Drittel der Inkassounternehmen dafür Arbeitslosigkeit als ursächlich. Vor einigen Jahren war das stets die Top-Antwort. Jetzt dagegen stellen drei von vier Inkassounternehmen fest: Privatschuldner gehen zu sorglos und oft unüberlegt Konsumverbindlichkeiten ein. Zweithäufigster Nichtzahlgrund ist Überschuldung.

 

Weniger Verbraucherinsolvenzen – weil viele auf Gesetz zur schnelleren Restschuldbefreiung warten

Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen nimmt aktuell weiter ab. Für dieses Jahr erwartet der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V. 66.000 Verfahren (67.597 in 2018). Es könnten aber viel mehr sein, denn fast jeder zehnte Erwachsene ist überschuldet.
Der Grund: Justizministerin Lambrecht will die Verfahrenslaufzeiten von jetzt sechs auf bald nur noch drei Jahre halbieren. Auf dieses neue Gesetz hoffen viele Überschuldete – und warten deshalb mit einem Insolvenz-antrag.

Die Problematik, die eine solche Laufzeitänderung mit sich bringt ist jedoch nicht von der Hand zu weisen: Gläubiger werden viel Geld verlieren. Denn in den Jahren vier bis sechs fließen rund 70% der Rückzahlungen. Eine schnellere Verbraucherinsolvenz setzt demnach falsche Anreize, weil sich unredliche Schuldner dadurch in ihrem schlechten Zahlungsverhalten bestärkt fühlen.

Die Zahl der Verbraucher¬-Insolvenzen wird daher bald wieder steigen. Auch wird befürchtet, dass es vermehrt zum Drehtür¬-Effekt kommt, also dass Verbraucher nach einer ersten Insolvenz gleich eine zweite oder dritte beantragen. Besser – auch für die Allgemeinheit – sind dagegen außergerichtliche Einigungen, mit denen sich langwierige und teure gerichtliche Verfahren vermeiden lassen.

 

Dominoeffekt bei B2B-Zahlungsmoral

Bei gewerblichen Schuldnern ist aktuell der sog. Dominoeffekt zu erkennen: fast drei Viertel melden, dass Zahlungsausfälle bei eigenen Kunden in dieser Gruppe der häufigste Nichtzahlgrund sind. Überschuldung bzw. Insolvenz fällt hier dagegen kaum ins Gewicht. Nur ein Drittel beobachtet dieses als Nichtzahlgrund. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen bleibt niedrig. Sie wird sich etwa auf dem Vorjahresniveau einpendeln.

Scharfe Kritik gibt es am Zahlungsverhalten öffentlicher Auftraggeber. Deren Rechnungstreue verharrt auf sehr schlechtem Niveau, was nur schwer nachvollziehbar ist. Denn die Einnahmen durch Steuern und Abgaben sind gut, das Geld ist also da. Teilweise fehlt schlicht das Personal in den Behörden, um Aufträge abzunehmen und Rechnungen freizugeben. Es kann aber nicht sein, dass Handwerker oder Baubetriebe ein halbes Jahr oder länger auf das Geld aus öffentlichen Aufträgen warten müssen, gleichzeitig aber die Finanzämter sofort die Vorsteuer aus diesen Verträgen kassieren. Manchen Auftragnehmer treibt dieses Verhalten der öffentlichen Hand sogar in die Insolvenz.

Die Stimmung in der Branche ist also eher pessimistisch. Schlechte Wirtschaftsdaten, Exporthemmnisse etwa durch den Brexit und Gesetzesregulierungen werden dafür sorgen, dass sich die Zahlungsmoral 2020 zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder verschlechtert. Damit rechnet eine Mehrheit von 59 % in der Inkasso-Umfrage.

 

 

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